GTA 6
Rockstar hatte einen Maulwurf im Gewerkschafts-Discord - zweieinhalb Jahre lang
Die Eröffnungsschriftsätze im Prozess um 34 gefeuerte GTA-6-Entwickler zeigen, wie tief Rockstar in den Server der eigenen Belegschaft blickte

- Vor dem Employment Tribunal in Glasgow verhandeln Rockstar und die Gewerkschaft IWGB über die Entlassung von 34 Beschäftigten im Oktober 2025.
- Laut den Schriftsätzen erhielt Rockstars HR-Direktor ab mindestens Februar 2024 Informationen aus dem Gewerkschafts-Discord - Rockstar selbst spricht von einem Informanten seit über zweieinhalb Jahren.
- Rockstar begründet die Kündigungen mit geteilten Betriebsgeheimnissen, die Gefeuerten sehen einen Schlag gegen die anstehende gewerkschaftliche Anerkennung.
- Die Anhörung läuft bis zum 16. Oktober - rund einen Monat vor dem Release von GTA 6 am 19. November 2026.
Rockstar Games hat über Jahre hinweg Informationen aus dem Discord-Server der eigenen Gewerkschaftsorganisatoren bezogen - von einem Mitglied, das von innen berichtete. Das geht aus den Eröffnungsschriftsätzen hervor, die beide Seiten diese Woche beim Employment Tribunal in Glasgow eingereicht haben. Dort wird seit Wochenbeginn verhandelt, ob die Entlassung von 34 Beschäftigten im Oktober 2025 rechtmässig war. Zusammen umfassen die Papiere über 100 Seiten, Tausende Seiten Beweismaterial sollen in den kommenden Wochen erörtert werden.
34
Entlassene - 31 in Grossbritannien, 3 in Kanada
2,5 Jahre
so lange soll ein Informant aus dem Discord berichtet haben
3,75 Mrd. $
Marktwert, den Take-Two nach der GTA-6-Verschiebung an einem Tag verlor
26 Kontakte in 21 Monaten
Der Server wurde laut der Darstellung der Gefeuerten 2022 von Rockstar-Angestellten aufgesetzt, die der IWGB Game Workers nahestehen. Zuvor habe es «keinen offiziellen Kanal am Arbeitsplatz» gegeben, über den Anliegen unabhängig vom Management hätten besprochen werden können. Zum Zeitpunkt der Kündigungen zählte der Server rund 340 Mitglieder.
Direkten Zugriff hatte das Management nach eigener Aussage bis Oktober 2025 nicht. Die Anwälte der Entlassenen behaupten jedoch, HR-Direktor Charlie Kinloch habe spätestens ab Februar 2024 Informationen von einem Junior-Mitarbeiter über die Gewerkschaftsarbeit im Server erhalten. In 21 Monaten soll es mindestens 26 Treffen oder Kontakte zu diesem Thema gegeben haben, rund die Hälfte davon von Kinloch selbst angestossen. Der Informant habe Screenshots und Aufnahmen geliefert, über Gewerkschaftstreffen, Schulungen und Mitgliederzahlen berichtet - und einzelne Aktivistinnen und Aktivisten benannt.
Rockstar bestätigt den Kern dieser Darstellung teilweise: Die eigenen Anwälte sprechen von drei «Whistleblowern» im Discord, die Sicherheitsbedenken gemeldet hätten - darunter eine Person, die seit «über zweieinhalb Jahren» Informationen an das Management weitergegeben habe. Bis man zwischen dem 13. und 16. Oktober 2025 Zugangsdaten erhalten habe, sei das Unternehmen aber «weitgehend im Dunkeln» getappt und habe nur «gelegentliche Einblicke» gehabt.
Zwölf Mitglieder vor der Anerkennung
Brisant ist die Chronologie, die die Gefeuerten aufmachen: Am 7. Oktober 2025 soll der Informant gemeldet haben, dass der Gewerkschaft noch zwölf Mitglieder zur gesetzlichen Schwelle für eine Anerkennung fehlten - zehn Prozent der Belegschaft. Erreicht worden sei diese Marke am 18. Oktober, Kinloch habe am 20. Oktober davon erfahren. In diesem Zeitraum habe sich das Management Logins beschafft; Rockstars Vice President of Information Security Abid Ansari habe sich eingeloggt und die Inhalte der Kanäle «Announcements» und «General» heruntergeladen. Ende des Monats begannen die Kündigungen.
Die Wirkung beziffert die Gegenseite konkret: Die Mitgliederzahl des Servers sei binnen Tagen von rund 390 auf 261 gefallen, 136 Personen seien gegangen, nur neun neu dazugekommen. In der Woche darauf hätten elf Rockstar-Beschäftigte ihre IWGB-Mitgliedschaft gekündigt. Rockstar hält dagegen: Man habe nicht alle Gewerkschaftsmitglieder im Server entlassen, drei der Gefeuerten seien gar keine Mitglieder gewesen. Zudem habe man «nie versucht, ein Anerkennungsgesuch zu verhindern», und arbeite nun konstruktiv daran mit. Hätte man die Schwelle wirklich fürchten wollen, argumentieren die Anwälte, hätte man deutlich früher gehandelt.
Betriebsgeheimnis oder Crunch-Debatte?
Der inhaltliche Streit dreht sich um die Frage, was im Discord eigentlich stand. Rockstar listet eine Spanne von digitalen und physischen Sicherheitsmassnahmen über interne HR-Korrespondenz bis zu «streng gehüteten Geheimnissen» auf, darunter ein «Online-32-Spieler-Format» eines «hochvertraulichen» Projekts. Auch «viele, viele Informationen» zur GTA-6-Entwicklung seien geteilt worden, inklusive Verschiebungen, Überstunden und Crunch. Wären diese Posts öffentlich geworden, wären sie nach Einschätzung des Studios grosse Branchennachrichten gewesen - und hätten womöglich den Aktienkurs bewegt.
Die Entlassenen widersprechen: Kein Post habe das Release-Datum von GTA 6, einen Trailer-Termin oder vergleichbare vertrauliche Informationen offengelegt. Diskutiert worden seien Arbeitsplatzrichtlinien, die für gewerkschaftliche Organisation unerlässlich seien - disziplinarisch «trivial», als Anliegen einer Gewerkschaft aber legitim. Auch zur Sicherheit des Servers gehen die Darstellungen auseinander: Die Beschäftigten beschreiben ihn als Invite-only mit Warteraum und Verifizierung über Rockstars eigenes Slack; nachweislich sei nie etwas von dort an die Öffentlichkeit gelangt. Rockstar zählt dagegen Angriffsvektoren auf, von gestohlenen Privatgeräten über Phishing bis zum Hack von Discord selbst - und verweist als Beleg auf den eigenen Informanten. Unter den knapp 350 Personen im allgemeinen Bereich seien nach erster Analyse 26 gar keine Angestellten gewesen, dazu zehn Ehemalige, einige davon «im Streit ausgeschieden». Ein Mitglied sei ein arbeitender Journalist gewesen.
Drohnen vor den Bürofenstern
Um die eigene Härte zu erklären, legt Rockstar in seinem Schriftsatz das Sicherheitsregime offen - und das liest sich wie aus einem Thriller. Besucherinnen und Besucher unterschreiben NDAs, externe Dienstleister werden im Gebäude von Security begleitet, Homeoffice ist stark eingeschränkt, USB-Sticks sind verboten, Fotografieren ebenfalls, private Laptops und Handys kommen nicht ins Firmennetz. Selbst der Familie darf nichts erzählt werden, und laut Social-Media-Richtlinien kann schon ein harmloses Foto des eigenen Schreibtischs zu viel verraten. Weil Drohnen versuchten, durch Bürofenster zu fotografieren, liess das Studio Sichtschutzfolien anbringen. Fünf Ermittler und ein Direktor arbeiten in Vollzeit an Leck-Aufklärung.
Die Geheimnisse des einzigartigen Gameplays und Designs zu schützen, ist vergleichbar damit, wie Apple das iPhone schützt oder Coca-Cola seine Rezeptur.
Man nehme die «Sicherheitsposition einer Wall-Street-Bank» ein, heisst es weiter. Als Belege führt Rockstar den Phishing-Angriff von 2022 an, bei dem Dutzende Videos aus der GTA-6-Entwicklung im Netz landeten, sowie einen Erpressungsversuch einer Hackergruppe vor wenigen Wochen, nach dem beim Mutterkonzern binnen Tagen zwei Milliarden Dollar an Börsenwert verpufften. Auch der Fan-Druck wird thematisiert: Kaffeepausen und Pizza-Lieferungen würden beobachtet, das Verkehrsaufkommen vor den Büros getrackt. Zwei harmlose Tweets von Angestellten lösten 2025 die (falsche) Theorie aus, am 27. Dezember erscheine ein neuer Trailer.
Einordnung: ein Urteil kurz vor dem grössten Release des Jahres
Die Anhörung läuft bis zum 16. Oktober - rund einen Monat vor dem Verkaufsstart von GTA 6 am 19. November 2026. Die Klagenden fordern Wiedereinstellung, ersatzweise Entschädigung, und die Feststellung, dass die Kündigungen unfair waren. Die IWGB kritisiert zudem das Vorgehen: Betroffene seien in Meetings gerufen, fristlos entlassen und aus dem Gebäude begleitet worden, Abwesende in rund zweiminütigen Telefonaten informiert und danach aus ihren Konten ausgesperrt. Ein Entlassener, Will Mesilane, habe nach Entzug seines Arbeitsvisums nach Australien zurückkehren müssen.
Die Position von Rockstar Games war stets klar und konsistent. Personen in Grossbritannien und Kanada wurden wegen schweren Fehlverhaltens nach dem Teilen vertraulicher Unternehmensinformationen entlassen, nicht wegen angeblicher Gewerkschaftsmitgliedschaft oder -aktivität. Wir weisen die Vorwürfe zurück und werden uns vor dem Tribunal energisch verteidigen.
Für die Betroffenen geht es um mehr als Geld. «Niemand von uns hätte gedacht, dass Gespräche über unsere Arbeitsbedingungen unser Leben auf den Kopf stellen würden», sagt der frühere Rockstar-Mitarbeiter und IWGB-Mitglied Jason Lewis. Einen Boykott von GTA 6 lehnen die Gefeuerten ausdrücklich ab - stattdessen werben sie mit T-Shirt-Verkäufen um Geld für die Prozesskosten. Bis zum Urteil bleibt offen, ob das Tribunal in den Kündigungen eine Sicherheitsmassnahme oder einen gezielten Schlag gegen eine wachsende Gewerkschaft sieht. Klar ist schon jetzt: Das Verfahren zeichnet ein ungeschöntes Bild davon, wie das teuerste Spiel der Branchengeschichte hinter verspiegelten Fenstern entsteht.
Rockstar entwickelt das wohl meisterwartete Spiel dieser Generation - und der Prozess legt offen, unter welchen Bedingungen es entsteht: totale Geheimhaltung, Crunch-Debatten, überwachte Kommunikation. Das Urteil wird zudem zum Präzedenzfall dafür, wie weit Studios gegen sich organisierende Belegschaften vorgehen dürfen.
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