Don't Nod
Don't Nod fehlt das Geld - die Kasse reicht bis Januar 2027
Der französische «Life is Strange»-Schöpfer stellt bis zu 90 Stellen infrage und braucht dringend externe Finanzierung

- Don't Nod erklärt im Halbjahresbericht 2026, dass der Fortbestand über den 31. Januar 2027 hinaus ohne externe Finanzierung unsicher ist
- Die Bruttoliquidität sank von 15,4 Mio. Euro Ende 2025 auf 8 Mio. Euro Ende Juli 2026
- Eine Umstrukturierung könnte bis zu 90 Stellen in Frankreich kosten; der Verwaltungsrat hat den Plan am 4. September genehmigt
- Weder Aphelion noch das unangekündigte Projekt P14 erfüllten die Finanzierungskriterien - trotz Interessenbekundungen
Don't Nod hat im Bericht zum ersten Halbjahr 2026 eine Formulierung verwendet, die in Geschäftsberichten alles bedeutet: erhebliche Unsicherheit über die Fähigkeit, den Betrieb über den 31. Januar 2027 hinaus fortzuführen. Ohne zusätzliche externe Finanzierung ist die Zukunft des französischen Entwicklers und Publishers hinter «Life is Strange» und «Vampyr» damit offen. Parallel dazu konkretisiert das Unternehmen einen Umbau, der bis zu 90 Stellen in Frankreich kosten könnte.
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31. Jan. 2027
Bis zu diesem Datum reicht die Finanzierung laut Bericht
90 Stellen
könnten in Frankreich wegfallen
8 Mio. €
Bruttoliquidität Ende Juli 2026
Die Kasse leert sich Monat für Monat
Die Zahlen zeigen ein Tempo, das die Warnung erklärt. Ende 2025 lag die Bruttoliquidität noch bei 15,4 Millionen Euro, Ende Juni 2026 bei 9,8 Millionen - und Ende Juli bereits bei 8 Millionen Euro. Der Gesamtbetriebsertrag, in den auch aktivierte Produktionskosten einfliessen, brach im Jahresvergleich um 56 Prozent auf 6,1 Millionen Euro ein, nach 13,9 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der operative EBITDA-Verlust weitete sich von 2 Millionen auf 4,3 Millionen Euro aus.
Der reine Umsatz aus Verkäufen und Entwicklungsarbeit sank um 14 Prozent auf 6,1 Millionen Euro, gegenüber 7 Millionen Euro. Auffällig ist die Verschiebung innerhalb dieser Summe: Die Verkäufe gingen auf 3,5 Millionen Euro zurück, während der Beitrag aus Entwicklungsarbeit auf 2,6 Millionen Euro stieg. Getragen wird dieser Posten laut Bericht vor allem von einem narrativen Spiel aus dem Studio in Montreal, das auf einer «grossen» Netflix-Marke basiert. Auftragsarbeit hält also gerade jenen Teil der Einnahmen stabil, den eigene Veröffentlichungen nicht mehr liefern.
Aphelion und «P14» finden keine Geldgeber
Besonders schwer wiegt eine Passage zu den Projekten selbst. Weder das Science-Fiction-Adventure Aphelion noch ein intern als «P14» geführtes, unangekündigtes Vorhaben erfüllten die erforderlichen Kriterien zur Finanzierungsfähigkeit - und das, obwohl es nach Darstellung des Unternehmens Interessenbekundungen gab. Als Ursache nennt Don't Nod systemische Belastungen der Spielebranche und eine «äusserst selektive» Finanzierungslage. Interesse allein reicht im aktuellen Markt offenkundig nicht mehr, um eine Mittelklasse-Produktion abzusichern.
Die Liste der Veröffentlichungen seit 2020 zeigt, wie breit das Studio dabei aufgestellt war - und wie viele Versuche nötig waren, um an alte Erfolge anzuknüpfen:
- Twin Mirror (2020)
- Harmony: The Fall of Reverie
- Jusant
- Banishers: Ghosts of New Eden
- Lost Records: Bloom & Rage
- Aphelion (2026)
Eine Produktionslinie statt vieler Baustellen
Der Umbau, den Don't Nod am 1. September erstmals angekündigt und am 4. September durch den Verwaltungsrat genehmigen liess, setzt genau hier an. Das Unternehmen will seine Aktivitäten in Frankreich um eine einzige Produktionslinie herum bündeln und dort die Kompetenzen zusammenführen, die es braucht, um neue Projekte noch vor dem Abschluss laufender Produktionen zu starten. Erklärtes Ziel sind eine effizientere Verteilung der Ressourcen, klarere Verantwortlichkeiten und eine stärkere Konzentration der Expertise auf priorisierte Projekte - kurz: ein regelmässigerer Veröffentlichungsrhythmus mit weniger parallelen Baustellen.
Der Preis dafür ist absehbar. Das geprüfte Transformationsprojekt könnte den Abbau von bis zu 90 Stellen in Frankreich bedeuten. Erste Gespräche mit Personalvertretungen und Verhandlungen mit den Gewerkschaften haben begonnen.
Die Ergebnisse bestätigen die grossen Herausforderungen, vor denen unsere Branche steht. Die heute geprüften Massnahmen sind schwierig; wir sind uns vollkommen bewusst, was sie für die betroffenen Mitarbeitenden bedeuten können, und stellen sicher, dass die notwendigen Unterstützungsmassnahmen eingerichtet werden.
Die Warnung ist nicht die erste in diesem Jahr
Neu ist die Lage nicht. Bereits im Juni berichtete GamesIndustry.biz, dass die Wirtschaftsprüfer des Unternehmens ohne zusätzliche Finanzierung ein Liquiditätsende im November 2026 für möglich hielten. Vorausgegangen war eine Absage aus dem eigenen Aktionärskreis: Tencent, grösster Anteilseigner von Don't Nod, lehnte eine angefragte kurzfristige Kapitalerhöhung ab. Auch 2025 hatte das Studio schon Stellen gestrichen - im Zuge einer früheren Neuausrichtung auf drei Genres: Rollenspiel, narratives Adventure und Action-Adventure. Diese Dreiteilung wird nun faktisch zusammengeführt.
Dass die aktuelle Frist mit dem 31. Januar 2027 zwei Monate später liegt als die im Juni genannte Einschätzung, ist kein Entwarnungssignal, sondern das Ergebnis von Sparmassnahmen und Einnahmen aus Entwicklungsarbeit. Die Grundgleichung bleibt: 6,1 Millionen Euro Umsatz gegen einen operativen Verlust von 4,3 Millionen Euro sind auf Dauer nicht tragfähig.
Was das für Spielerinnen und Spieler heisst
Kurzfristig ändert sich für bereits veröffentlichte Titel nichts. Offen ist dagegen, was aus den Projekten wird, die keine Finanzierung gefunden haben - «P14» ist bis heute nicht angekündigt, und für Aphelion fehlt laut Bericht die Finanzierungsgrundlage, die das Unternehmen für eine Fortführung im gewünschten Rahmen benötigt. Das Netflix-Projekt aus Montreal ist derweil der stabilste Posten in der Bilanz und dürfte entsprechend Priorität behalten.
Einordnung: Don't Nod ist ein Lehrstück über die eingeklemmte Mitte des Marktes. Studios dieser Grösse brauchen Vorfinanzierung, um überhaupt produzieren zu können - und genau die ist derzeit rar. Wer wie Don't Nod auf erzählerische Nischen setzt, hat einen unverwechselbaren Katalog, aber selten den einen Hit, der mehrere schwächere Jahre trägt. Bis Ende Januar 2027 bleibt Zeit für eine Finanzierungslösung, einen Investor oder einen Verkauf. Bis dahin gilt, was im Bericht steht: unsicher.
Don't Nod steht für eine Spielgattung, die es im aktuellen Markt besonders schwer hat: erzählerische Mittelklasse-Produktionen mit eigener Handschrift. Wenn selbst das Studio hinter «Life is Strange» seine Projekte nicht mehr finanziert bekommt, verengt sich das Angebot zwischen Indie und Blockbuster weiter. Für Spielerinnen und Spieler steht zudem die Zukunft laufender Produktionen auf dem Spiel.
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