The Witcher 3
Geralts letzter Ritt gilt nicht Ciri - sondern Dandelion
Pawel Sasko und Doug Cockle erklären, was Songs of the Past anders macht - von der neuen Insel Letten bis zum runderneuerten Kampfsystem

- Songs of the Past ist eine späte Erweiterung für The Witcher 3 und schickt erneut Geralt ins Feld - die Idee entstand laut CD Projekt Red rund um das Next-Gen-Update von 2022.
- Schauplatz ist die Insel Letten im Nordosten Redaniens, inspiriert von polnischer und englischer Landschaft, mit rosa-violetter Farbgebung und neuem Raytracing.
- Im Zentrum steht nicht Ciri, sondern Dandelion: Die Erweiterung erzählt eine Geschichte über Freundschaft statt über Vaterschaft.
- Das Gameplay wird nach Cyberpunk-Vorbild generalüberholt - Bewegung, Erkundung, Finisher, mehr aktive Fähigkeiten und die Eisenkette als neues Kampfwerkzeug.
Mit The Witcher 4 rückt Ciri ins Zentrum der Reihe - viele Fans hatten Geralt von Riva deshalb längst innerlich verabschiedet. Songs of the Past, die überraschend angekündigte Erweiterung für The Witcher 3, holt den Hexer nun ein weiteres Mal zurück. In Gesprächen am Rande der Gamescom haben Questdesigner Pawel Sasko und Geralt-Sprecher Doug Cockle erklärt, worum es in diesem zweiten Epilog geht: nicht um Vaterschaft, sondern um Freundschaft. Und um ein Gameplay, das CD Projekt Red selbst für den schwächsten Teil des Spiels hält.
11 Jahre
liegt der Release von The Witcher 3 zurück
40 Min.
lang sind die neuen Story-Fokusabschnitte
20+ Jahre
spricht Doug Cockle bereits Geralt
Eine Rückkehr, die selbst Geralts Stimme überraschte
Dass Geralt noch einmal eine eigene spielbare Geschichte bekommt, war offenbar nicht einmal intern breit bekannt. Doug Cockle beschreibt seine erste Reaktion als komplette Überrumpelung - er habe zwar gewusst, dass die Figur in irgendeiner Form in The Witcher 4 auftauchen werde, mit mehr aber nicht gerechnet.
Es hat mich völlig überrascht - ich hatte keine Ahnung, dass CD Projekt Red so etwas plant. Ich wusste, dass Geralt in The Witcher 4 in irgendeiner Form zurückkommt, aber Songs of the Past war eine sehr schöne Überraschung, weil ich dachte, Geralts grosse Reise sei vorbei.
Sasko widerspricht dem Eindruck, hier kehre ein Team nach Jahren zu einem alten Projekt zurück. Die Idee sei bereits vor längerer Zeit im Kern-Team rund um Narrative Director Philip Weber entstanden - grob zu jener Zeit, als 2022 das Next-Gen-Update für The Witcher 3 erschien. Man habe lediglich auf die richtigen Umstände, den passenden Moment in der Zeitlinie und die verfügbaren Talente gewartet. Nach dem Release von Cyberpunk 2077 sei ein Teil der Belegschaft direkt zu The Witcher 4 gewechselt, ein anderer aber gedanklich immer beim dritten Teil geblieben.
Letten: rosa Nebel im Nordosten Redaniens
Schauplatz ist die Insel Letten im Nordosten Redaniens. Sie soll sich klar von Novigrad, Velen und Skellige absetzen, ohne wie ein anderes Spiel zu wirken. Während Toussaint in Blood and Wine von Frankreich und Spanien inspiriert war, dienten diesmal die polnische und die englische Landschaft als Vorlage. Dazu kommt eine Farbgebung, die stark auf Rosa- und Violetttöne setzt, kombiniert mit überarbeitetem Raytracing.
Sasko formuliert die Gratwanderung deutlich: Wer die Complete Edition in fünf Jahren zum ersten Mal startet, soll nicht das Gefühl haben, plötzlich ein anderes Spiel zu spielen. Der zweite Bezugspunkt sind die Bücher. Die verträumte, ins Unheimliche kippende Ästhetik der Erweiterung führt Sasko direkt auf Andrzej Sapkowski zurück, der sich an Märchen sowie an englischen und irischen Mythen bediente. Das erzählerische Werkzeug dahinter: das Märchen, das schiefgeht - eingesetzt bereits in The Witcher 1, in The Witcher 3 und in Blood and Wine. Passend dazu beginnt die Geschichte damit, dass Geralt nach einer Feier aufwacht und sich die Ereignisse Stück für Stück zusammensetzt.
Warum ausgerechnet Dandelion?
Die Suche nach dem verschwundenen Barden bildet den Kern der Handlung - und das ist eine bewusste thematische Verschiebung. The Witcher 3 kreiste um Vaterschaft und die Beziehung zwischen Geralt und Ciri, Songs of the Past dreht sich um Freundschaft. Sasko, der im Hauptspiel unter anderem die Quest rund um Dandelions Verflossene und Priscillas letztes Konzert geschrieben hat, findet, die Figur sei bislang zu kurz gekommen: Viele Spielende sähen in ihr vor allem den gutgelaunten Clown, dabei verbinde die beiden ein tiefes Verständnis füreinander.
Für den Designer hat das auch eine handwerkliche Seite. Geralt sei eine Figur mit harter, fast undurchdringlicher Schale - und schwer zu charakterisieren, wenn sie kaum etwas von sich preisgibt. Dandelion durchbreche diese Schale immer wieder und mache den Hexer dadurch überhaupt erst lesbar. Cockle verweist zusätzlich auf die Romanvorlagen, in denen der Barde eine ernste Seite und eine eigene Familiengeschichte bekommt, die in den Spielen bisher keinen Platz fand.
«Seelenverwandt - aber sehr platonisch»
Auf die Frage, ob Dandelion womöglich Geralts eigentliche bessere Hälfte sei, antwortet Cockle mit einem Ja samt Einschränkung.
Ich würde Ja sagen, aber auf eine sehr platonische Weise.
Als Beleg führt er das Spielverhalten an: Sobald Dandelion in Schwierigkeiten stecke, lasse Geralt alles stehen und liegen - je nach getroffenen Entscheidungen auch Yennefer oder Triss. Dandelion-Sprecher John Schwab schiebt allerdings nach, dass daraus keine Begeisterung spreche. Geralts Haltung sei eher ein genervtes «Er steckt schon wieder in der Klemme», ergänzt Cockle.
Ein 2.0-Umbau für ein elf Jahre altes Rollenspiel
Der zweite grosse Themenblock ist die Technik. Sasko benennt die Schwachstelle ohne Umschweife: Am schärfsten kritisiert worden sei bei The Witcher 3 stets das Gameplay, es sei der am stärksten veraltete Aspekt des Spiels. Intern denke man beim Remaster deshalb in der Grössenordnung eines Cyberpunk-Updates 2.0 - Designprinzipien, die man auf der RedEngine 4 gelernt habe, wandern nun in die RedEngine 3.
- Überarbeitete Erkundung und neue Bewegungssteuerung für Geralt
- Finisher-Angriffe, die im Original fehlten
- Deutlich mehr aktive statt passive Fähigkeiten, damit sich Builds im Kampf sofort unterscheiden
- Die Eisenkette als neues Kampfwerkzeug - mehrfach in den Büchern erwähnt und aus dem CGI-Intro von The Witcher 1 bekannt
Lehren aus dem Blutigen Baron
Ein bekanntes Problem des Hauptspiels: Viele Spielende hörten nach der Baron-Questreihe auf, weil sie sich erzählerisch bereits satt fühlten. Sasko, der genau diese Quest entworfen hat, geht dabei hart mit sich selbst ins Gericht - er habe dort viele Fehler gemacht, die Questreihe laufe rund vier Stunden am Stück und hätte mit besserem Tempo mehr erreicht. Die Konsequenz für Songs of the Past: Die Erzählung wird in Fokusabschnitte von etwa 40 Minuten intensiver Story gegliedert, danach öffnet sich die Welt wieder zum Erkunden. Ausnahmen gibt es bewusst - etwa in Finali oder bei Momenten wie der Quest «Somewhat Damaged» aus Phantom Liberty, in der man mit einem Monster im Bunker feststeckt und den Controller schlicht nicht weglegen soll.
Einordnung
Songs of the Past ist damit mehr als ein nostalgischer Nachschlag: Die Erweiterung dient CD Projekt Red offenkundig auch als Gelegenheit, das grösste Manko eines Klassikers nachträglich zu korrigieren - und liefert gleichzeitig eine Figurengeschichte nach, die in elf Jahren Witcher-Spielen nie den Platz bekam, den sie in den Büchern hat. Ob die neue Insel Letten die erzählerische Fallhöhe von Blood and Wine erreicht, wird sich zeigen. Ein Erscheinungstermin wurde in den Gesprächen nicht genannt.
The Witcher 3 gilt als Meilenstein, sein Kampfsystem aber seit Jahren als grösste Schwachstelle. CD Projekt Red greift genau dort ein und verspricht einen Umbau in der Grössenordnung von Cyberpunks Update 2.0. Wer das Rollenspiel abgebrochen hat, bekommt damit einen konkreten Grund zurückzukehren - und Geralt eine zweite Abschiedsgeschichte, mit der niemand gerechnet hat.
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