GTA 6
«Vice City ist um Eitelkeit gebaut» - Rockstar verdoppelt sich für GTA 6
Die erste offizielle Vorschau im Magazin Dazed nennt Zahlen, Namen und Systeme - und ein komplettes Studio, das fast nur an Passanten arbeitet

- Rockstar hat die Belegschaft seit Red Dead Redemption 2 verdoppelt - von rund 2'000 auf geschätzt 4'000 Angestellte
- Ein Studio in Los Angeles kümmert sich laut Rockstar fast ausschliesslich um die NPCs von GTA 6
- Stylistin, Rennfahrer und 50 Streetart-Künstler sind fest angestellt und gestalten Mode, Fahrverhalten und Wandbilder
- Essen, Schlaf und Training verändern Jason und Lucia sichtbar, das Moralsystem soll komplexer ausfallen als die Ehre in RDR2
Rockstar Games hat sich lange in Schweigen gehüllt, jetzt kommt der Bruch mit der eigenen Routine: In der September-Ausgabe des Magazins Dazed liefert das Studio die erste und bislang einzige offizielle Vorschau auf Grand Theft Auto 6 - inklusive bisher unveröffentlichter Bilder und Interviews mit Entwicklerinnen und Entwicklern. Die zentrale Erkenntnis daraus ist keine Gameplay-Sensation, sondern eine Zahl: Rockstar hat sich seit dem Erscheinen von Red Dead Redemption 2 personell verdoppelt, um dieses eine Spiel zu bauen.
~4'000
Angestellte bei Rockstar heute - 2018 waren es rund 2'000
50
echte Streetart-Künstler gestalten die Wandbilder auf der Karte
19. Nov.
Erscheinungstermin für PS5 und Xbox Series X
Ein ganzes Studio nur für Passanten
2018, zum Start von Red Dead Redemption 2, beschäftigte Rockstar rund 2'000 Menschen. Über das vergangene Jahrzehnt kamen Studios in Australien und Indien sowie ein neuer Standort in Los Angeles dazu - unter dem Strich dürfte die Belegschaft heute bei etwa 4'000 liegen. Besonders bemerkenswert ist, wofür der kalifornische Ableger zuständig ist: Er arbeitet laut Rockstar «fast ausschliesslich» an den NPCs von GTA 6. Ein komplettes Studio also, das sich mit jenen Figuren beschäftigt, die in den meisten Open-World-Spielen bloss Kulisse sind.
Das passt zu dem, was in den vergangenen Wochen ungewollt an die Öffentlichkeit gelangt ist: Ein geleaktes Strandvideo zeigte eine Vielfalt an Passantinnen und Passanten, wie sie in einem Rockstar-Spiel bisher nicht zu sehen war. Die Figuren sollen zudem auf ihre Region zugeschnitten sein - dass sich Stadtteile unterscheiden, ist in der Serie nicht neu, die Konsequenz aber offenbar deutlich grösser. Dass Rockstar ausgerechnet jetzt selbst zu reden beginnt, ist kaum Zufall: Leaker drohten zuletzt damit, das Spiel vor dem offiziellen Enthüllungstermin zu verderben.
Stylistin, Rennfahrer, Streetart-Künstler
Rockstars Wachstum betrifft nicht nur klassische Spieleentwicklung. Das Unternehmen hat Fachleute aus der realen Welt fest angestellt - keine Beratungsmandate auf Zeit, sondern Kolleginnen und Kollegen im Team. Die in Miami ansässige Stylistin Jillian Carr etwa kam 2023 an Bord und baut ein «Mode-Ökosystem» auf, das Geschmack, Lebensstil und Wohlstand der Figuren sichtbar machen soll.
Vice City ist um Eitelkeit herum gebaut. Zwischen sozialen Medien, Promi-Kultur und einem stetigen Strom an Touristen hat das Erscheinungsbild grosses Gewicht, und Trendzyklen drehen sich schnell.
Am Fahrverhalten arbeiten Designerinnen und Designer, die zugleich professionelle Rennfahrer sind - die Steuerung soll dadurch spürbar besser ausfallen als bisher. 50 echte Streetart-Künstler haben die Wandbilder der Spielwelt entworfen. Und für die Figurenarbeit haben Entwickler Zeit mit Menschen verbracht, die es wissen müssen: von ehemaligen Kriminellen bis zu Club-Promotern.
Essen, Schlafen, Trainieren - der Körper merkt sich alles
GTA 6 führt die geerdeten Mechaniken aus Red Dead Redemption 2 weiter und holt zugleich ein Feature zurück, das seit San Andreas als Fanliebling gilt: Wer viel isst, wird fülliger. Auch körperliche Anstrengung und der generelle Spielstil schlagen sich im Aussehen von Jason und Lucia nieder. Wer nächtelang durchmacht, sieht das im Gesicht der Figuren.
- Ernährung, Training und Schlafmangel verändern das Erscheinungsbild der beiden Hauptfiguren
- Kleinigkeiten wie Handyhüllen und Kopfhörer lassen sich kaufen
- NPCs reagieren darauf, wie Jason und Lucia sich verhalten - und wie sie aussehen
- Fahrzeuge steuern sich dank mitarbeitender Rennfahrer präziser
- Im Duo kann eine Figur fahren, die andere schiessen - der Wechsel erfolgt jederzeit fliessend
- Alternativ übernimmt eine Figur die Navigation, während die andere durch die spielinternen sozialen Medien scrollt
Moral ohne einfache Antworten
Konkrete Zahlen nennt Dazed nicht, aber die Richtung ist klar: Das Moralsystem soll komplexer ausfallen als die Ehre in Red Dead Redemption 2. Dort belohnte Rockstar am Ende doch meist den anständigen Weg; in GTA 6 soll die Rechnung nicht so glatt aufgehen. Dazu kommen «tiefgreifende Beziehungsmechaniken», über die das Magazin ebenfalls nur andeutungsweise spricht.
Für die Praxis heisst das vor allem eines: Wer sich wie ein wandelndes Massaker durch Leonida pflügen will, spielt gegen die Absicht des Designs. Rockstar strebt eine Umgebung «totaler Immersion» an, in der die Bevölkerung glaubwürdig auf das eigene Verhalten reagiert. Wie sich das mit dem klassischen Fahndungssystem und den ausufernden Verfolgungsjagden früherer Teile verträgt, ist die spannendste offene Frage der ganzen Vorschau.
Weniger Gag, mehr glaubwürdige Kultur
Der Rockstar-Humor verschwindet nicht - man denke an das Verhalten der NPCs im mittlerweile berüchtigten FKK-Städtchen. Doch das Studio will vermeiden, dass GTA 6 zur reinen Parodie auf Florida-Klischees verkommt. Einzelgags bei Marken und Läden sollen seltener werden, das Ziel ist eine «glaubwürdige Kultur» statt platter Albernheit. Kritisch schaut Rockstar dabei auch auf die eigene Vergangenheit: Man blicke «mit kritischem Auge» auf die früheren Spiele zurück.
Einordnung
Bemerkenswert an dieser Vorschau ist weniger die Menge an Details als der Umstand, dass sie überhaupt existiert. Rockstar redet normalerweise nicht über Produktionsprozesse - dass nun Belegschaftsgrösse, Studiostruktur und Namen einzelner Angestellter öffentlich werden, wirkt wie der Versuch, die Deutungshoheit vor dem grossen Enthüllungstermin zurückzuholen. Direkt im Anschluss folgt der «Extended Look» auf Netflix, von dem weithin ein ausführlicher Gameplay-Einblick erwartet wird. Erst dort wird sich zeigen, ob sich die verdoppelte Belegschaft in Momenten niederschlägt, die man beim Zuschauen spürt. Grand Theft Auto 6 erscheint am 19. November für PlayStation 5 und Xbox Series X.
Zum ersten Mal spricht Rockstar selbst über die Systeme hinter GTA 6, statt nur Trailerbilder zu zeigen. Wer wissen will, ob Leonida mehr wird als eine grössere Karte, bekommt hier die ersten belastbaren Antworten - und einen Hinweis darauf, dass der klassische Amoklauf-Stil nicht mehr die vorgesehene Spielweise ist.
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