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EA in saudischer Hand — die Belegschaft rechnet mit dem Schlimmsten

Ein Bericht mit anonymen Stimmen aus dem Konzern schildert Angst vor inhaltlicher Kontrolle, Entlassungswellen in kleinen Schritten und einem Schuldenberg von 18 Milliarden Dollar

Republic of Pixels Redaktion19. August 2026 · 21:02 Uhr5 Min. Lesezeit
EA in saudischer Hand — die Belegschaft rechnet mit dem Schlimmsten
Bild: PC Gamer

KURZFASSUNG

  • Die Übernahme von Electronic Arts durch ein Konsortium um Saudi-Arabiens Public Investment Fund, Silver Lake und Jared Kushners Affinity Partners ist Anfang des Monats abgeschlossen worden — für 55 Milliarden Dollar und als grösster Leveraged Buyout der Private-Equity-Geschichte.
  • In einem Bericht von Game Developer schildern anonyme EA-Mitarbeitende die Sorge, dass Projekte mit sichtbarer Diversität künftig gar nicht mehr vorgeschlagen oder freigegeben werden.
  • EA soll 18 Milliarden Dollar der aufgenommenen Schulden zurückzahlen und dafür jährlich 700 Millionen Dollar an Kosten streichen, davon 170 Millionen über «organisatorische Effizienz».
  • Mehrere Angestellte rechnen mit Entlassungen in kleinen Wellen statt einer grossen Runde — laut dem Bericht, um US-Meldepflichten zu umgehen.

Der Deal ist durch: Anfang dieses Monats wurde die Übernahme von Electronic Arts durch ein Konsortium unter Führung des saudi-arabischen Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) offiziell abgeschlossen. Was auf dem Papier eine Eigentümerfrage ist, beschäftigt intern offenbar deutlich mehr. Ein Bericht des Fachmediums Game Developer versammelt anonyme Stimmen aus der Belegschaft — und die zeichnen ein Bild, das mit den Beruhigungsversuchen des Managements wenig zu tun hat: Erwartet werden strengere Kontrolle darüber, welche Spiele überhaupt noch gemacht werden dürfen, und Entlassungen als Dauerzustand.

55 Mrd. $

Kaufpreis für Electronic Arts — der grösste Leveraged Buyout der Private-Equity-Geschichte

18 Mrd. $

Schulden, die EA nach dem Abschluss des Deals zurückzahlen soll

700 Mio. $

jährliche Kosteneinsparungen, zu denen sich EA laut Berichten verpflichtet hat

Der grösste Leveraged Buyout der Branche

Gekauft hat EA nicht der PIF allein: Zum Konsortium gehören auch der Investor Silver Lake und Affinity Partners, die von Jared Kushner geführte und saudisch finanzierte Investmentfirma. Der Preis von 55 Milliarden Dollar macht den Vorgang zum grössten fremdfinanzierten Firmenkauf, den die Private-Equity-Branche bislang gesehen hat. Fremdfinanziert heisst in diesem Fall: Ein erheblicher Teil der Summe wurde über Schulden aufgebracht — und diese Schulden landen beim gekauften Unternehmen, nicht bei den Käufern.

Genau das ist der Punkt, an dem die Sorgen der Belegschaft konkret werden. Laut Berichten soll EA 18 Milliarden Dollar der aufgenommenen Schulden zurückzahlen und sich zu jährlichen Einsparungen von 700 Millionen Dollar verpflichtet haben. 170 Millionen davon sollen aus Veränderungen bei den «organisatorischen Effizienzen» kommen — ein Begriff, unter dem Beschäftigte in dieser Branche erfahrungsgemäss vor allem eines verstehen: sich selbst.

Die Angst vor der stillen Schere

Die Debatte um mögliche inhaltliche Kontrolle ist nicht neu. Schon nach Bekanntwerden der Kaufabsicht äusserten aktuelle und frühere EA-Angestellte die Befürchtung, dass sichtbar diverse und inklusive Spiele — Die Sims wird dabei besonders häufig genannt — unter neuen Eigentümern unter Druck geraten könnten. Der frühere BioWare-Leadautor Trick Weekes brachte die Erwartung auf die Formel, «Waffen und Football» seien weiterhin in Ordnung, «schwules Zeug» dagegen kaum. EA versicherte mehrfach, die eigenen «kulturellen Werte» blieben unangetastet. Laut dem Bericht von Game Developer überzeugt das intern nicht.

Bemerkenswert ist dabei, welche Form von Zensur die Befragten erwarten: keine Anweisung von oben, sondern vorauseilenden Gehorsam. Projekte würden gar nicht erst freigegeben — oder von den Teams selbst nicht mehr vorgeschlagen, um die neuen Eigentümer nicht zu reizen.

Projekte werden einfach nicht unterschrieben, weil sie nicht explizit mit dem übereinstimmen, was die saudische Regierung will.
Anonyme EA-Angestellte gegenüber Game Developer

Eine weitere Stimme im Bericht wertet den Kauf als Versuch, die eigene Menschenrechtsbilanz zu überdecken, indem eine etablierte und vergleichsweise progressive Unternehmenskultur vereinnahmt werde. Andere formulieren es deutlich persönlicher: Es sei schwer, sich mit einem Regime als Eigentümer wohlzufühlen, das im Widerspruch zu einer progressiven Gesellschaft stehe. Ein Beschäftigter kritisierte, ein Unternehmen mit einem Rückgrat hätte sich nicht mit einem Prinzen zusammengetan, der von den Sexualitäten und Ethnien vieler seiner Angestellten angewidert sei; die Beteiligung von Jared Kushner sei ein zusätzlicher Affront.

«Sportswashing» als offen eingeräumtes Kalkül

Der Vorwurf, Saudi-Arabien nutze Sport und Unterhaltung zur Imagepflege, hat einen Namen — «Sportswashing» — und im Fall des Kronprinzen Mohammed bin Salman auch ein Zitat. Bin Salman, faktischer Machthaber des Landes und als Vorsitzender des PIF nun oberster Chef von EA, sagte 2023 gegenüber Fox News, er werde weiter Sportswashing betreiben, wenn es sein Bruttoinlandprodukt um ein Prozent steigere: «Es ist mir egal.» Dazu kommt die Vorgeschichte, die in der Berichterstattung durchgehend mitschwingt: Bin Salman wird glaubwürdig beschuldigt, 2018 die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi angeordnet zu haben.

Entlassungen in Wellen statt in einer Runde

Neben der inhaltlichen Frage steht die schlichte Jobsicherheit. EA hatte 2025 zugesichert, es werde «keine unmittelbaren Änderungen» an den Stellen geben. Im Alltag klingt das laut Bericht anders: Man gehe davon aus, permanent unter Entlassungsdrohung zu stehen. Auffällig ist die Erwartung, wie gekürzt werden könnte — nicht als eine grosse Runde, sondern als Serie kleiner Wellen, um die in den USA vorgeschriebenen WARN-Meldefristen bei grösseren Stellenabbau zu umgehen. Diese Einschätzung stammt aus anonymen Aussagen und ist nicht bestätigt.

Es ist schwer vorstellbar, wie Teams oder Spiele, die unter den Erwartungen bleiben, nicht aufgelöst oder verkauft werden sollten. Die Geschichte der Leveraged Buyouts zeigt, dass das das Drehbuch ist — ganz egal, was unsere Führungskräfte behaupten, das dieses Mal anders sei.
Anonyme EA-Angestellte gegenüber Game Developer

Dass EA für Stellenabbau keinen Eigentümerwechsel braucht, hat der Konzern zuletzt selbst gezeigt: Im Frühling wurden Beschäftigte in vier Studios entlassen, die an Battlefield 6 mitgearbeitet hatten — jenem Spiel, das EA als grössten Launch der Serienhistorie bezeichnete. Im gleichen Zeitraum wies der Finanzbericht aus, dass CEO Andrew Wilson mit einem Salär von 38'649'984 Dollar das 305-Fache eines durchschnittlichen EA-Angestellten verdiente; im Zusammenhang mit dem Eigentümerwechsel stehen ihm zudem bis zu 125 Millionen Dollar Abfindung in Aussicht.

Wer profitiert — und wer nicht

Ein Teil der Belegschaft verdient am Deal durchaus: Wer bereits zugeteilte EA-Aktien hält, kassiert dank des Aufpreises, den der PIF geboten hat. Wer keine Anteile besitzt — darunter viele, die intern als «temporary fulltime» geführt werden —, geht leer aus. Und selbst jene mit moralischen Einwänden sitzen fest, weil der Arbeitsmarkt der Branche ausgetrocknet ist. Eine Person im Bericht beschreibt es unmissverständlich: Sie würde gern gehen, aber die Stellen seien nicht da, und Rechnungen müssten bezahlt werden.

Es gab eine Zeit, in der die Führungsebene mehr auf uns eingegangen ist und ehrlichere Antworten über das Unternehmen gegeben hat, und es fühlte sich wirklich so an, als würde sie sich um uns kümmern. Das ist aber Jahre her. Jetzt ist es meistens nur noch müder Konzern-Bullshit.
Anonyme EA-Angestellte gegenüber Game Developer

Einordnung

Bislang ist keiner der befürchteten Schritte eingetreten: keine Entlassungswelle, keine gestrichenen Projekte, keine dokumentierte inhaltliche Vorgabe. Was vorliegt, sind anonyme Einschätzungen von Beschäftigten und harte Zahlen zur Finanzierung des Deals. Beides zusammen ergibt allerdings eine Erwartungshaltung, die man nicht als Panikmache abtun kann: Ein Unternehmen, das jährlich 700 Millionen Dollar einsparen soll, um einen Schuldenberg zu bedienen, wird Prioritäten neu setzen. Für Spielerinnen und Spieler ist die entscheidende Frage deshalb weniger, was EA nun offiziell verspricht, sondern welche Projekte in den kommenden Jahren still verschwinden — und ob jemand von aussen überhaupt merkt, dass sie je existiert haben. EA hat sich auf Anfragen zu den Sorgen der Belegschaft und zur Wahrscheinlichkeit von Entlassungen bislang nicht geäussert.

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WARUM DAS WICHTIG IST

EA steht hinter Marken wie EA Sports FC, Battlefield, Die Sims und den BioWare-Rollenspielen — Entscheidungen der neuen Eigentümer betreffen also Millionen Spielerinnen und Spieler direkt. Wenn Projekte künftig nach politischen Kriterien oder reinem Schuldendienst bewertet werden, verändert das nicht nur die Arbeitsbedingungen der Teams, sondern auch, welche Spiele überhaupt noch entstehen.

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