PlayStation
Sony nennt die Digitalisierung - ein Analyst nennt den Gebrauchtmarkt
Alinea Analytics rechnet vor, wie viel Geld Sony mit Discs noch verdient - und warum der Konzern trotzdem aussteigt

- Ab Anfang 2028 will Sony PS5- und PS6-Spiele nur noch digital veröffentlichen
- Offizielle Begründung: die fortschreitende Digitalisierung, 78 Prozent aller PS5- und PS4-Spiele wurden zuletzt digital verkauft
- Analyst Rhys Elliot von Alinea Analytics sieht stattdessen Margen, Marktkontrolle und das Ende des Gebrauchtmarkts als Treiber
- Grosse Singleplayer-Titel setzen laut seinen Schätzungen weiterhin 35 bis 47 Prozent ihres Umsatzes physisch um
Sony begründet das Ende der Spiele-Disc mit dem Verhalten der Kundschaft. Ein Marktforscher widerspricht: Rhys Elliot von Alinea Analytics schreibt in seinem jüngsten Newsletter, dass es dem Konzern vor allem um Margen, Kontrolle über den eigenen Markt und die Austrocknung des Gebrauchtspielmarkts gehe. Seine Zahlen zeigen, dass sich mit physischen Ausgaben grosser PlayStation-Titel weiterhin viel Geld verdienen lässt - nur eben nicht ausschliesslich von Sony.
35 %
des 1,2-Mrd.-Dollar-Umsatzes von Marvel's Spider-Man 2 stammen laut Alinea Analytics aus physischen Verkäufen
78 %
aller PS5- und PS4-Spiele wurden im Geschäftsjahr 2025/2026 digital verkauft
2028
ab Anfang des Jahres will Sony keine Spiele mehr auf Disc veröffentlichen
Was Sony im Juli angekündigt hat
Anfang Juli kündigte Sony an, PS5- und PS6-Spiele ab Anfang 2028 nur noch digital zu veröffentlichen. Ende Juli lieferte Finanzchefin Lin Tao die Begründung nach: Die fortschreitende Digitalisierung von Inhalten mache auch vor der Gamesbranche nicht halt. Gestützt wird das vom letzten Geschäftsbericht, laut dem im Geschäftsjahr 2025/2026 78 Prozent aller PS5- und PS4-Spiele digital abgesetzt wurden. Der Trend ist also real - die Frage ist, ob er die Entscheidung allein erklärt.
Die Zahlen hinter den Prestige-Titeln
Elliot legt Umsatzschätzungen zu vier grossen Sony-Produktionen vor. Auffällig ist, wie stabil der physische Anteil bei genau jenen Spielen bleibt, bei denen Sony laut dem Analysten zunehmend vorsichtig agiert.
- Marvel's Spider-Man 2: 1,2 Milliarden US-Dollar Umsatz, davon 35 Prozent physisch
- Ghost of Yotei: 400 Millionen US-Dollar, davon 37,6 Prozent physisch
- Astro Bot: 275 Millionen US-Dollar, davon 46,8 Prozent physisch
- Death Stranding 2: 129 Millionen US-Dollar, davon 41,8 Prozent physisch
Warum diese Werte so viel höher liegen als die 78 Prozent aus Sonys Bericht, hat zwei Gründe. Erstens misst Alinea Analytics Umsatz statt verkaufter Einheiten - eine Disc kostet im Handel in der Regel mehr als ein Angebotspreis im Store. Zweitens betrachtet die Analyse ausschliesslich grosse Singleplayer-Titel, deren Publikum ohnehin eher zur Verpackung im Regal greift. Für Free-to-Play-Titel, Sportspiele oder Live-Service-Produkte gelten andere Verhältnisse.
Bei den Prestige-Singleplayer-Spielen, bei denen Sony zunehmend vorsichtiger wird, ist der Umsatz mit physischen Spielen enorm.
Warum ein Disc-Dollar weniger wert ist
Der entscheidende Punkt in Elliots Rechnung ist nicht die Höhe des physischen Umsatzes, sondern dessen Qualität. Von jedem Euro, der an der Ladenkasse landet, bleibt bei Sony deutlich weniger hängen als von einem Euro im PlayStation Store. Herstellung der Disc, Verpackung, Distribution und die Marge des Handels gehen ab - im digitalen Vertrieb entfällt all das.
Ein Disc-Dollar ist für Sony weniger wert als ein digitaler, weil der Anteil des Händlers, die Herstellung und die Distribution dazukommen.
Dazu kommt der Gebrauchtmarkt. Weiterverkaufte Spiele bringen Publishern und Plattformbetreibern keinen Cent, für Spielerinnen und Spieler sind sie dagegen der einfachste Weg zu günstigen Preisen. Ohne Disc verschwindet dieser Sekundärmarkt schlicht - jede Kopie bleibt an ein Konto gebunden. Elliots Fazit: Bei der Entscheidung gehe es weniger um veränderte Konsumgewohnheiten als um Margen, Kontrolle und das Ende des Gebrauchthandels.
Eine Wette mit einkalkulierten Verlusten
Dass der Schritt Kundschaft kosten wird, ist Sony laut dem Analysten bewusst. Der Konzern setze darauf, dass die höheren Nettogewinne aus dem rein digitalen Vertrieb die Abwanderung zu anderen Plattformen mehr als ausgleichen. Es ist also eine bewusst eingegangene Wette, keine Fehleinschätzung - was die Aussichten auf eine Kehrtwende nicht gerade verbessert.
Der Widerstand hat sich derweil nicht gelegt. Mehr als zwei Monate nach der Ankündigung fordern Nutzerinnen und Nutzer in den Kommentarspalten unter PlayStation-Trailern weiterhin lautstark den Erhalt der Disc.
Einordnung
Elliots Zahlen sind Schätzungen eines Marktforschungsunternehmens und keine offiziellen Sony-Angaben - sie taugen als Grössenordnung, nicht als Bilanz. Seine Analyse widerlegt die Digitalisierung auch nicht, sie ergänzt sie um das fehlende Motiv: Selbst ein schrumpfender physischer Markt kann profitabel sein, nur eben weniger profitabel als der digitale. Für die Leserschaft heisst das vor allem eines: Wer auf PlayStation sein Spiel nach dem Durchspielen weiterverkaufen oder verleihen möchte, hat dafür nach heutigem Stand noch bis Anfang 2028 Zeit.
Mit dem Disc-Aus verschwindet nicht nur ein Kaufformat, sondern auch der Weiterverkauf, das Verleihen und der günstige Gebrauchtpreis. Wer wissen will, worauf er sich bei der PS6 einlässt, sollte die wirtschaftliche Logik hinter der Entscheidung kennen - sie erklärt, warum Proteste daran wenig ändern dürften.
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